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abhijit bossotto

personal thoughts in an impersonal world

Liebe zur Schweiz…

Inspiriert durch einen Blogpost von Philippe Wampfler will ich heute mal von meiner «Liebe zur Schweiz» schreiben. Nach meinen letzten Beiträgen, alle rund um das Thema «Rassismus» und meine Kindheitserlebnisse, könnte man wahrscheinlich denken, dass «Liebe» wohl ein falsches Wort ist…

Meine «Liebe» zur Schweiz ist in erster Linie eine tiefe Zuneigung zu Personen. Zuerst wären das mein Vater und meine Mutter, die sich damals, vor über dreissig Jahren auf das Abenteuer eingelassen haben, ein Kind zu adoptieren. Und wer sich mit Adoptionen beschäftigt, der weiss, wie «umständlich» diese sind, wie viel «Papierkrieg» es bedeutet. Und wie viel Geduld von wartenden Eltern.  Es waren in das damalige Abenteuer auch andere Menschen involviert, die alle weiter sahen, als es damals, in den 1970er üblich war. Auch ihnen gebührt meine tiefe Zuneigung.

Ich bin nicht patriotisch aufgewachsen. Den «1. August» habe ich nie gemocht. Ich mag unnötigen Krach nicht und gehe ihm aus dem Weg. Ich konnte nie verstehen, warum man unverhältnismässig viel Geld in die Luft schiesst.

Erst viel später wurde ich politischer. Bereits aus meiner Vergangenheit wusste ich, dass es wohl ein «Normalzustand» ist, wenn man als nicht «typischer» Schweizer angefeindet wird. Ich wusste aber auch, dass das nicht rechtens war. Deshalb fing ich an, mich für Politik zu interessieren. Es gab eine Zeit in der Schule, in der ich der einzige war, der die sieben Bundesräte mit vollem Namen, Partei- und Departementszugehörigkeit kannte. Eine grosse Leistung, wenn man von Leuten umgeben war, die stets betonten, dass sie «schweizerischer» als ich waren.

Die «Schweiz» als «Institution», als Land, kann ich nicht lieben. Sie hat mir nichts gegeben und – zugegebenermassen – auch nichts verlangt, wenn man von meinem Geld in Form von Steuern und meiner Zeit in Form von Zivilschutz absieht. Mein «Patriotismus» hält sich in sehr überschaubaren Grenzen – er ist schlicht nicht vorhanden. Ich denke nicht in Landesgrenzen. Diese sind immerhin im Gegensatz zu denjenigen in den Köpfen der Menschen fass- und veränderbar.

Wenn mein «Patriotismus» nicht vorhanden ist, was liebe ich dann an der Schweiz? Ich mag die Menschen. Nicht alle, einige. Eigentlich nur sehr wenige. Aber ich freue mich, dass es immer mehr Menschen gibt, die mir zeigen, dass man auch über äusserliche Unterschiede hinweg, gleich denken und handeln kann. Ohne Unterschiede. Dafür braucht es, denke ich, keine «Schweiz».

Wut

In meinem letzten Artikel ging es um das Thema «Rassismus». Ein Thema, das mich seit ich denken kann begleitet hat. Wenn auch eher unfreiwillig wurde ich schon im Vorschulalter darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht gleich wie die anderen war. Das ich anders sei.

Natürlich sieht man mir meine Herkunft unweigerlich an, obwohl man mich auch schon nach Brasilien, in die Mongolei (immerhin geographisch etwas näher), nach Afrika oder Arabien verpflanzt hat. Aber nein, ich stamme aus Indien und das sieht man mir an. Und da meine Eltern weiss sind, waren Sticheleien vorprogrammiert. So musste ich mich mit dem Thema beschäftigen.

Von meinen Eltern bekam ich früh den Ratschlag mit, über solchen Ärgernissen zu stehen. Solche Menschen würden früher oder später erwachsen, meinten sie und, wenn ich ihre Attacken ignorieren würden, würden sie bald einmal den Spass verlieren. Nur, wie das so mit elterlichen Ratschlägen ist: Diejenigen, die es betrifft, haben diese offenbar nie gehört…

Natürlich: Ich habe nie das gleiche Schicksal erlebt wie die farbige Bevölkerung Anfang der 1900er-Jahre in Amerika. Ich weiss nicht, wie das ist, wenn man nur getrennte Bürgersteige benutzen darf. Ich weiss nicht, wie das ist, wenn man in Restaurants an separaten Tischen sitzen muss. Und ich weiss auch nicht, wie das ist, wenn man Angst haben muss, weil in meiner Nachbarschaft die Häuser brennen. Das alles weiss ich nicht.

Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wenn man nur geduldet und nicht akzeptiert wird. Wenn man immer wieder hört, dass man nur auf dem «Papier» Schweizer sei. Und ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn wildfremde Menschen einem in gebrochenem Deutsch etwas erklären wollen, auch wenn sie ansonsten perfektes «Walliserdeutsch» sprechen.

In meiner Jugend gab es einige einschneidende Erlebnisse, die mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen nachhaltig geprägt haben. In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es zur Weihnachtszeit immer ein spezielles Radio, welches nur zu dieser Zeit spielte. Es war sehr beliebt und ein allabendliches Wunschkonzert war ein Highlight, weil man anrufen und Leute grüssen konnte. Eines Tages rief ein Einwohner meines Wohnortes an und fragte die Moderatoren, was das auffälligste an der örtlichen Schule sei (das Radiostudio war zu dieser Zeit in einer Lokalität neben der Orientierungsschule). Die Moderatoren antworteten nichtsahnend, dass es wohl das Schild zum Radiostudio wäre. Der Anrufer verneinte. Es wäre Abhijit. Warum? Weil er schwarz ist. Sofort wurde der Anruf unterbrochen und die Moderatoren entschuldigten sich.

Die Sendung wurde damals bis ins Unterwallis hinein empfangen und ich erhielt entsprechendes Feedback auch noch Wochen nach der Ausstrahlung.

Gewiss, es mag nun der Eindruck entstehen, dass alle Menschen in diesem Ort und in diesem Kanton (Bundesland) hoffnungslose Rassisten sind. Wenn der so entstanden ist, dann ist das natürlich falsch. Allerdings sind einige rassistische Tendenzen durchaus zu beobachten. Der übliche Spruch lautet: «Ich bin kein Rassist, aber…»

Und genau das macht mich wütend. Es macht mich wütend, dass Menschen in der heutigen Zeit immer noch denken, sie könnten rassistische Vorurteile als Meinung tarnen. Es macht mich wütend zu sehen, dass es gewisse Parteien am rechten Rand gibt, die Hetze gegen Minderheiten betreiben. Es macht mich wütend, dass Menschen die nicht «weiss» sind als minderwertig betrachtet werden.

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas diesbezüglich ändern wird. Denn manchmal glaube ich, dass die Menschen gar nicht aus der Geschichte lernen wollen. Leider.

Gefühlte Wirklichkeit

Wenn es am heutigen Tag 30 Grad warm war, war es dann heiss oder warm? Ist es zu heiss oder ist es einfach gerade richtig? Leben in der Schweiz zu viele Ausländer? Zu viele Muslime? Zu viele Buddhisten? Zu viele Juden? (Die Fragen liessen sich beliebig ergänzen und weiterführen…)

Das Problem bei solchen Fragen ist, dass diese nicht eindeutig beantwortet werden können. Jeder empfindet gewisse Situationen anders. Wer zum Beispiel mit einem Ausländer Probleme hatte – welcher Art auch immer – wird wahrscheinlich zukünftig aufgrund der negativen Erfahrungen skeptisch gegenüber Ausländern reagieren. Egal woher sie stammen und egal welchen Hintergrund sie haben.

Es ist ein allgemeiner Trend in der Schweiz zu beobachten, dass man sich vor Fremdem fürchtet. Diese Haltung führt dazu, dass bereits Kindern eine gewisse Art von Misstrauen eingepflanzt wird.

Ein Beispiel aus meiner Kindheit (vor etwas mehr als 20 Jahren…): In unserem Dorf gastierten regelmässig Fahrende mit ihren Wohnwägen auf einer öffentlichen Wiese. Meistens für einige Tage. Dass sie während dieser Zeit das Dorfgespräch waren, versteht sich von selber. Eine meine Mitschülerinnen meinte damals, sie würde nun einen Selbstverteidigungskurs besuchen. Auf meine Frage, weshalb sie das tun würde, antwortete sie: Weil jetzt die "Zigeuner" (Originalausdruck) da wären und sie Angst hätte, dass man sie entführen würde. Dies war insofern erstaunlich, als das es in meinem Wohnort keinen mir bekannten Vorfall mit Fahrenden gab.

Screenshot einer Diskussion auf Facebook

Der obenstehende Screenshot stammt aus einer von mir geführten Diskussion auf Facebook. Ich habe die irrelevanten Daten unkenntlich gemacht. Es ging in der Diskussion um "Sans Papiers", also Menschen, die keine Papiere besitzen.

Aus der Sicht eines SVP-Mitgliedes mag diese Argumentation richtig erscheinen – aus einer anderen Sicht nicht. So gibt es zum Beispiel keinen Beleg für diese "99 % die nicht mit den Behörden zusammenarbeiten". Es handelt sich dabei eher um einen gefühlten Wert. Auch die restlichen Aussagen wie das "Sans Papiers kriminell sind" wird im weitere Verlauf der Diskussion nicht mit Zahlen untermauert. Dass es durchaus auch kriminelle "Sans Papiers" gibt bezweifelt wohl niemand.

In solchen Diskussionen stösst man, wenn man nach Argumenten fragt, oftmals an Grenzen. Denn, wie will man eine gefühlte Wirklichkeit mit Zahlen untermauern? Jemand der in einem Quartier wohnt in welchem es "nur" ausländische Wohnbevölkerung gibt, wird man kaum überzeugen können, dass Ausländer nicht die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.

Gefühlte Wirklichkeiten helfen in Diskussionen allerdings wenig weiter. Entscheidend sind belegbare Fakten. Denn nur so können alle wirklich vom Gleichen diskutieren.