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abhijit bossotto

personal thoughts in an impersonal world

Nachtrag: Mediale Aufmerksamkeit und die Todesstrafe

Ich habe mich heute Morgen schon zum Rückzug der «Initiative für die Wiedereinführung der Todesstrafe» geäussert. Offenbar war das ganze für Marcel Graf und sein Komitee wohl eher so etwas wie eine Art «Therapie». Denn, anders kann ich mir das ganze nicht erklären.

Schlussendlich haben einige Menschen, die zweifelsohne etwas Schreckliches erlebt haben, ihre Trauer und Wut in die Öffentlichkeit getragen – nur um zu «provozieren». Doch was wollten die eigentlich? Ich habe früher schon mal auf den Umstand hingewiesen, dass die Initianten die Todesstrafe nur bei Sexualdelikten (mit Todesfolge) forderten. Ein Raubmord, zweifelsohne nicht weniger schlimm, würde dann einfach «nur» mit Gefängnis gesühnt.

Schön, Marcel Graf und seine Familie hatten nun ihre berühmten «15 Minuten» Ruhm. Und was blieb? Ein bitterer Nachgeschmack, denn die ganze Diskussion zeigt wieder einmal sehr deutlich die Grenzen der Demokratie auf. Was wäre gewesen, wenn die Initiative angenommen worden wäre? Hätte man dann einfach die EMRK gekündigt, wäre aus der UNO ausgetreten und hätte munter alle Sexualstraftäter hingerichtet? Das kanns ja wohl nicht sein…

Ich weiss nicht, aber diese Initiative sagt mehr über die Initianten als über den Inhalt aus… Und ich weiss nicht, ob mich das nicht mehr beunruhigen sollte…

Sommerloch? Die Todesstrafe in der Schweiz…

Das Sommerloch, welches für vielerlei Dinge jedoch ausdrücklich nicht für Langeweile verantwortlich gemacht werden kann, sollte eigentlich inzwischen wieder seriöseren Nachrichten und Themen Platz gemacht haben. Weit gefehlt: Neben der allgegenwärtigen «EU»-Phobie, tummeln sich Wölfe, Rinder, Schafe und neuerdings sogar Todesstrafen-Befürworter in den Medien.
Nun könnte man es natürlich gut finden, wenn auch über «Tabus» wie die «Todesstrafe» ja nun einmal seit einigen Jahrzehnten hier ist, wieder diskutiert wird. Die Initiative, die unter anderem von Marcel Graf, offenbar einem Angehörigen eines Opfers, mitgetragen wird, verlangt im Wortlaut ungefähr folgendes:

«(…)die Wiedereinführung der Todesstrafe bei «Mord mit sexuellem Missbrauch(…)»

Dabei zeigt sich der Schweizer Mob wieder einmal von der besten Seite. Aber ich sagte es ja schon früher: Diskussionen um Kinder, Tiere oder Sex sind nicht möglich. Warum? Weil der Verstand ausgeschaltet und mit dem Bauch diskutiert / argumentiert / disputiert wird.

Die Diskussionen auf nzz.ch oder auf tagesanzeiger.ch lassen finsteres erahnen. Natürlich sind für all die zweifelsohne schrecklichen Verbrechen die Urheber ausgemacht: Die «Linken» und die «Netten», die mit ihrer «Kuscheljustiz» die Täter nur verhätscheln. Natürlich, die «Linken» und «Gutmenschen» sind schuld. Wann sind sie das eigentlich nicht?

Wohlgemerkt und das ist ja wohl das Pikante an dieser Initiative: Es geht nur um Tötungsfälle in Zusammenhang mit Sexualverbrechen. Wenn nun also ein Bankräuber eine Geisel erschiessen würde, würde der nicht hingerichtet. Als ob ein Mord höher zu gewichten sei als ein anderer…

Richtiggehend perfide finde ich dann solche Aussagen, wie man sie z. B. auf «Tagesanzeiger Online» in den Kommentaren nachlesen kann:

«(…) Ich frage Sie dann nochmals, nachdem jemand in Ihrem Bekanntenkreis das Opfer eines Sexualverbrecher geworden ist (die kommen ja nach ein paar Jährchen wieder frei). (…) Diese armen Sexualverbrecher – denen muss doch ein Luxusaufenthalt in einer Edelklinik vergönnt sein oder ? Sie haben ja nur einen Angehörigen auf brutalste Weise umgebracht, na und? »

Es scheint, als hätte die Trollproduktion gerade eine neue Hochkonjunktur erlebt. Dabei zeigen die meisten solchen Kommentatoren ihr wahres, ziemlich primitives Gesicht. «Auge um Auge. Zahn um Zahn.» fordern sie, sind aber letztlich sehr inkonsequent… Denn, es gibt ja auch noch Morde aus anderen Gründen. Hat ja nicht alles mit Sexualität zu tun, oder?

Menschen sind in der heutigen Zeit offen für populistische Forderungen. Dies, obwohl sie insgeheim eigentlich wissen müssten, dass diese nichts bringen. Aber, da der Mensch ja ein ängstliches Herdentier ist – womit wir wieder mal bei Schafen und Wölfen sind – läuft er blindlings hinter einem Rattenfänger – schon wieder eine Märchenfigur – hinterher, der ihnen den Himmel auf Erden oder zumindest gewaltig mehr Sicherheit auf unseren von Ausländern geputzten und asphaltierten Strassen verspricht.

Einfach widerlich.

Es hat sich übrigens auch MeLa vom Projekt sinnfrei darüber schon so ihre Gedanken gemacht…

Dabei frage ich mich, ob das nun alles kleine Schafe sind, oder nur als Schafe verkleidete Wölfe, die nur darauf warten, anzugreifen…