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abhijit bossotto

personal thoughts in an impersonal world

Weihnachtswunsch.

Weihnachten steht vor der Türe und im TV laufen all die alten Filme, mit denen ich gross geworden bin und die ich seit meiner Kindheit schätze. Allen voran natürlich «Der kleine Lord» mit einem wunderbaren Sir Alec Guinness.

«Der kleine Lord» blieb mir dieses Jahr besonders in Erinnerung: Eine rührende Geschichte über einen Jungen, der in seinem Onkel nur das Gute sieht und all die negativen Seiten, die den Erwachsenen durchaus nicht verborgen bleiben, ausblendet. Jetzt könnte man einwenden, dass der Junge hoffnungslos naiv und gutgläubig wäre. Ein «Gutmensch» halt, wie es sie heutzutage so oft gibt und wie sie oft belächelt werden.

Für mich steht der kleine Junge für das, was uns Menschen eigentlich ausmachen sollte: Für den Glauben an das Gute im Menschen.

Ich möchte in einer Welt leben, in der man Menschen wieder vertraut. In der man Menschen nicht zuerst nach ihrem Aussehen, ihrem Glauben, ihrer politischen Einstellung beurteilt oder gar verurteilt. Ich möchte in einer Welt leben, in welcher ein Flüchtling die Hilfe erhält, die er verdient. In der ein Mensch, der aus seiner Heimat flüchten muss – aus welchen Gründen auch immer – wie ein Mensch behandelt und nicht als «Problem» oder «Kostenfalle» gesehen wird. Und in der jeder Mensch eine Chance erhält, so dass ich mir so etwas nicht mehr wünschen muss…

Und ich möchte in einer Welt leben, in der es selbstverständlich ist, anderen Menschen zu helfen, für andere Menschen da zu sein, für die Menschlichkeit einzustehen.

In dieser Welt möchte ich leben. Und das nicht nur während der Weihnachtszeit, sondern das ganze Jahr über. Für so eine Einstellung sollte es keine Programme wie «Jeder Rappen zählt» geben müssen.

Solidarität und Menschlichkeit sollten keine Werte sein, die dem «Geben-und-Nehmen»-Prinzip unterliegen. So eine Welt wünsche ich mir.

Es gibt seit eh und je, auch in «Der kleine Lord», Menschen, denen es besser geht, die viel besitzen und es gibt solche, die weniger oder gar nichts besitzen. In unserem heutigen Wirtschaftssystem, das auf biegen und brechen immer wieder gerettet wird, wird es solche Unterschiede immer geben.

Es gibt Menschen, die besitzen sehr viel Kraft. Sei es politische oder finanzielle. Von ihnen würde ich mir wünschen, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden… 

«Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung» (Zitat aus «Spider-Man»)

Grosse Kraft bringt grosse Verantwortung mit sich. Egal ob in der Wirtschaft oder in der Politik. Wer einen grossen Konzern führt, sollte nicht nur (Aktionärs-)Gewinne vor Augen behalten sondern sollte nie vergessen, dass hinter den Zahlen auch Menschen stehen. Ein Politiker, der sich jederzeit für Wahlen verkaufen muss, sollte nie vergessen, dass seine Worte gehört werden.

Ich zweifle nicht, dass sich viele Politiker und Manager an dieses Zitat aus «Spider-Man» halten. Sie sind es, die stillen Schaffer im Hintergrund, die man niemals vernimmt. Zu hören sind dafür andere…

Unser Leben währt nicht unendlich auf Erden. Auch unser Planet hat nicht unendlich viele Ressourcen. Es wird uns nicht gelingen, dass alle Menschen alles haben. Das sollte uns aber nicht daran hindern, jedem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Diesen Text habe ich mit dem «Kleinen Lord» begonnen, so werde ich ihn mit einem weiteren Zitat beenden: «Jeder Mensch sollte mit seinem Leben die Welt ein ganz klein wenig besser machen.»

Ich wünsche mir eine bessere Welt. Für alle.

Von Armut und so…

Im «Tagesanzeiger online» habe ich einen Artikel mit dem Titel «Wegen meinem Ex-Mann wurden wir zum Sozialfall» gefunden. Normalerweise überfliege ich solche Artikel nur. Ausnahmsweise habe ich mir die Mühe gemacht und ihn ganz gelesen. Nicht zuletzt des polemisierenden Titels wegen.

Der Artikel, so steht es zumindest in der Fusszeile, ist ein Vorabdruck der Caritas. Er wird im Rahmen des «Sozialalmanachs 2010» erscheinen.
Der Artikel gibt einer Frau, sie wird im Artikel nur Frau «B.» genannt, die Möglichkeit, sich über ihre finanzielle Situation zu äussern. Das tut sie auch mit sehr teils «schockierenden» Bildern.

Wie beim «Tagesanzeiger» üblich, kann der Artikel auch von Leserinnen und Lesern kommentiert werden. Dies wurde bisher auch rege getan: Über 200 Leute haben sich bisher dazu geäussert. Dabei ist der Tenor dieser Kommentare recht eindeutig: Die Mehrheit der Kommentatoren sieht die missliche Lage als eigenes Verschulden an. Nur eine kleine Minderheit nimmt Frau «B.» in Schutz.

Eines vorweg: Das es auch in der Schweiz Armut gibt ist sicherlich unbestritten. Leider weißt der Bericht einige «Lücken» auf, sodass leicht der Anschein entstehen kann, dass Frau «B.» nicht wirklich arm sei.

«Ich beziehe seit einiger Zeit keine Sozialhilfe mehr und lebe nun unter dem Existenzminimum. Ich habe diesen ewigen Druck, dieses Rechtfertigenmüssen auf dem Sozialamt nicht länger ertragen(…)»

Diese Aussage hat mich stutzig gemacht. Und offenbar nicht nur mich, wie die teils ziemlich harschen Feedbacks zeigen.

Dass Frau «B.» nicht gerne von Sozialgeldern abhängig ist, kann ich ja verstehen. Wer will das schon gerne? Es ist ja nicht so, dass sie diese einfach so haben will, sondern deshalb erhalten würde, weil sie sich in einer echten Notlage befindet. Deshalb kann ich diesen «falschen Stolz» nicht verstehen und in anbetracht dessen, dass sie drei Kinder hat, auch nicht goutieren.

«Als der Richter die Alimente kürzte (…) damit mache er uns zum Sozialfall. Der Mann brauche eine faire Chance, hat er erwidert, mit drei Kindern werde man in der Schweiz zum Sozialfall. Ich hätte ihn umbringen können. Wo ist m e i n e faire Chance? (…) Nur weil der Vater der Kinder nicht mehr arbeiten und seine thailändische Freundin heiraten wollte, müssen wir unten durch. Als wir damals von einem Monat auf den anderen 1000 Franken weniger zur Verfügung hatten, wusste ich überhaupt nicht mehr, wie es weitergehen sollte.(…)»

Ich weiss nicht, was ich von dieser Aussage halten soll. Es ist ja eine fast schon unbestrittene Tatsache, dass die meisten Männer bei einer Scheidung (finanziell) schlecht(er) wegkommen als Frauen. Natürlich ist eine Scheidung für beide Parteien eine leidige Angelegenheit, keine Frage.

Aber Frau «B.» macht es sich ja schon ein wenig zu einfach… Denn gemäss ihrer Logik dürfte sich ja der Ex-Mann kein neues «Glück» aufbauen.

Okay, so aus der Ferne über eine Frau zu urteilen, noch dazu als Mann, könnte ein wenig gefährlich sein. Ich kann ihre Situation durchaus verstehen, jedoch würde ich wohl anders handeln…

Insgesamt hinterlässt dieser «Caritas»-Artikel einen leicht faden – und vor allem: unnötigen – Beigeschmack: Er hinterlässt mehr offene Fragen als das er wirklich auf das Problem «Armut in der Schweiz» aufmerksam macht. Vielleicht ist aber auch das Beispiel «Frau B.» einfach unglücklich gewählt…

Es gibt Armut in der Schweiz, ohne Frage. Aber mit solchen Reportagen hilft man nicht wirklich, die Bevölkerung zu sensibilisieren.