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abhijit bossotto

personal thoughts in an impersonal world

Zwei Leben.

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen. Normalerweise stimmt dieser Satz. Manchmal meint es aber das Schicksal gut und gibt Menschen eine zweite Chance. Eine Chance, zu leben. Eine Chance, ein zweites mal geboren zu werden.

Ich liebe nicht viele Menschen auf dieser Welt. Nur wenige absolut bedingungslos. Eigentlich nur deren zwei. Es sind die Menschen, denen ich meine Existenz, ein Sein, verdanke. Meine Eltern. Das mag sich nun gar zu pathetisch anhören. Aber meine Lebensgeschichte ist in dieser Hinsicht speziell.

Ich wurde adoptiert. Eine Tatsache, aus der ich nie ein Geheimnis gemacht habe, nie ein Geheimnis machen konnte. Meine Eltern haben nicht die gleiche Hautfarbe wie ich und so waren Fragen vorprogrammiert. Das hatte auch zur Folge, dass ich bereits im Kindergarten über meine Herkunft, meinen Ursprung, aufgeklärt wurde. Meine Eltern waren immer sehr offen. Für sie war es nie ein Problem. Für mich auch nicht. Niemals.

Natürlich habe ich oft mit meiner Herkunft einen inneren Zwist geführt. Natürlich habe den Umstand der Adoption bereut. Natürlich habe ich oftmals nach dem «Warum» gefragt (wohl etwas, was mit dem «Bereuen» zu tun hat). Allerdings habe ich nie an den guten Absichten meiner Eltern gezweifelt. Ich habe sie immer als «meine» Eltern gesehen. Nie nach meinen «richtigen» Eltern gefragt.

Berichte über Menschen, die ihre «richtigen» Eltern suchen, irritieren mich immer wieder. Und dann denke ich an meine Vergangenheit, denke zurück an meine Zweifel. Vielleicht hatte ich Glück. Vielleicht musste ich nie an meinen Eltern und ihrer Liebe zweifeln. Vielleicht musste ich nie darüber nachdenken, ob ich es bei meinen «richtigen» Eltern besser gehabt hätte.

Die Menschen in diesen Berichten suchen nun also ihre Eltern und vielfach erhoffen sie sich Antworten auf ihre Fragen. Die wohl wichtigste, warum man adoptiert wurde. Warum man weggeben wurde. Warum eine Mutter ihr eigenes Kind anderen Menschen anvertraut. Die Frage habe ich mir oft auch gestellt und die Antwort beschäftigt mich noch heute. Denn, manchmal sind die Fragen nicht so schlimm wie die Antworten. Weil manchmal die Antworten doch nur anders formulierte Fragen sind. Ich weiss nicht, ob ich, wenn ich nicht schon so früh mit dem Thema konfrontiert worden wäre, danach gefragt hätte. Es hätte mich nie Interessiert. Weil es für mich und meine Eltern nie eine Rolle gespielt hätte.

Ich werde meine «richtigen» Eltern niemals kennenlernen. Ich hege keinen Groll gegen sie. Keine Wut, kein böser Gedanke. Durch ihre Entscheidung haben sie mein Schicksal massgeblich beeinflusst und dafür danke ich auch ihnen. Sie haben mir mein erstes Leben geschenkt.

Mein zweites Leben haben mir meine jetzigen Eltern geschenkt.

Zwei Leben. Wie eine geglückte Operation. Wie das Eintauchen in eine neue, unbekannte Welt.

Für diese zweite Chance bin ich unendlich dankbar. Bedingungslos.

Liebe zur Schweiz…

Inspiriert durch einen Blogpost von Philippe Wampfler will ich heute mal von meiner «Liebe zur Schweiz» schreiben. Nach meinen letzten Beiträgen, alle rund um das Thema «Rassismus» und meine Kindheitserlebnisse, könnte man wahrscheinlich denken, dass «Liebe» wohl ein falsches Wort ist…

Meine «Liebe» zur Schweiz ist in erster Linie eine tiefe Zuneigung zu Personen. Zuerst wären das mein Vater und meine Mutter, die sich damals, vor über dreissig Jahren auf das Abenteuer eingelassen haben, ein Kind zu adoptieren. Und wer sich mit Adoptionen beschäftigt, der weiss, wie «umständlich» diese sind, wie viel «Papierkrieg» es bedeutet. Und wie viel Geduld von wartenden Eltern.  Es waren in das damalige Abenteuer auch andere Menschen involviert, die alle weiter sahen, als es damals, in den 1970er üblich war. Auch ihnen gebührt meine tiefe Zuneigung.

Ich bin nicht patriotisch aufgewachsen. Den «1. August» habe ich nie gemocht. Ich mag unnötigen Krach nicht und gehe ihm aus dem Weg. Ich konnte nie verstehen, warum man unverhältnismässig viel Geld in die Luft schiesst.

Erst viel später wurde ich politischer. Bereits aus meiner Vergangenheit wusste ich, dass es wohl ein «Normalzustand» ist, wenn man als nicht «typischer» Schweizer angefeindet wird. Ich wusste aber auch, dass das nicht rechtens war. Deshalb fing ich an, mich für Politik zu interessieren. Es gab eine Zeit in der Schule, in der ich der einzige war, der die sieben Bundesräte mit vollem Namen, Partei- und Departementszugehörigkeit kannte. Eine grosse Leistung, wenn man von Leuten umgeben war, die stets betonten, dass sie «schweizerischer» als ich waren.

Die «Schweiz» als «Institution», als Land, kann ich nicht lieben. Sie hat mir nichts gegeben und – zugegebenermassen – auch nichts verlangt, wenn man von meinem Geld in Form von Steuern und meiner Zeit in Form von Zivilschutz absieht. Mein «Patriotismus» hält sich in sehr überschaubaren Grenzen – er ist schlicht nicht vorhanden. Ich denke nicht in Landesgrenzen. Diese sind immerhin im Gegensatz zu denjenigen in den Köpfen der Menschen fass- und veränderbar.

Wenn mein «Patriotismus» nicht vorhanden ist, was liebe ich dann an der Schweiz? Ich mag die Menschen. Nicht alle, einige. Eigentlich nur sehr wenige. Aber ich freue mich, dass es immer mehr Menschen gibt, die mir zeigen, dass man auch über äusserliche Unterschiede hinweg, gleich denken und handeln kann. Ohne Unterschiede. Dafür braucht es, denke ich, keine «Schweiz».

Von Indern in der SVP

Gerade Heute ist ein interessanter Artikel in der Online-Ausgabe des «Tagesanzeigers» zu lesen. Darin geht es um einen adoptierten Inder, der nun in der SVP Politik macht und wohl auch ein wenig von der SVP als Figur für deren nicht vorhandenen Ausländerhass dienen soll.

Shanky Wyser, wie der gebürtige Inder heisst, ist natürlich ein Glücksfall für eine Partei, die man bisher eigentlich als ziemlich ausländerfeindlich wahrgenommen hat. So ist er natürlich gelungenes Futter für die Propagandamaschine der SVP.

«Ich hatte schon als Kind Freude an der Landesfahne.» Früh gestört habe er sich dagegen an seinen muslimischen und jüdischen Mitschülern: «Ich kann mich erinnern, dass diese Kinder in der fünften Primarklasse den Schul-Samichlaus schwänzten. Damals habe ich mich intuitiv an Sonderrechten für Minderheiten gestossen. Im Rückblick war das der Anfang meines Interesses an der Ausländerpolitik.»

Soso, ein Inder stört sich daran, dass man Minderheiten respektiert. Das ist natürlich wieder sehr SVP-like. Es hätte mich ja auch gewundert, wenn er wirklich ein anderes Gedankengut mitgebracht hätte…

Der letzte Absatz ist noch interessanter…

Er selber sei im Übrigen nie als Fremder behandelt worden und habe auch keinen Rassismus erlebt – «ausser jetzt vielleicht im Wahlkampf mit diesem Leserbrief». Überhaupt werde das Thema Rassismus viel zu hoch gehängt, findet Wyser. «Wenn die SVP darauf aufmerksam macht, dass es unter den Kosovo-Albanern mehr Kriminelle gibt als bei anderen Bevölkerungsgruppen, dann hat das mit Rassismus doch nichts zu tun», findet er. «Es ist nun einmal eine Tatsache, dass die Menschen vom Balkan eine ganz andere Mentalität haben als wir.»

Sorry, aber das nehme ich ihm nicht ab. Für den adoptierten Inder wird also das Thema «Rassismus» viel zu hoch gehängt (ich habe bewusst diese Form gewählt). Nun, ich denke, gerade in der Schweiz gibt es eine lange Tradition von Rassismus und Angst vor Fremdem.

Was mich bei solchen Leuten einfach nur anwidert ist, dass sie es eigentlich besser wissen müssten. Es ist enttäuschend und beleidigend. Gerade für Leute wie mich. Aber ja, wer hätte so etwas von einem bekennenden SVPler auch anders erwartet…