Philippe Wampfler vermisst in seinem aktuellen Beitrag «Eine Bemerkung zum Mode-Atheismus» den Respekt von Atheisten und Freidenkern gegenüber gläubigen Menschen:

«Mir fehlt es, kurz gesagt, bei viele Atheisten und Freidenkern am Respekt gegenüber gläubigen Menschen. Dieser Respekt fehlt deshalb, weil Religion und Glaube in der Sicht der Freidenker (gibts da eigentlich auf freidenkende Frauen?) verkürzt verstanden wird als die Haltung der Angehörigen von evangelikalen amerikanischen Freikirchen, die aufgrund von widersprüchlichen Dogmen irrationale Dinge tun.»

In einem ersten Kommentar habe ich ihn auf ein Problem angesprochen, welches ich in einem zweiten Kommentar ausführlicher geschildert habe.

Dabei tut sich, zumindest für mich, ein weiteres Feld auf: Wie gehe ich mit Meinungen und Gruppierungen um, die ich persönlich nicht tolerieren bzw. akzeptieren kann? In meinem konkreten Fall würde es um Menschen mit einer rassistischen Gesinnung gehen. Muss ich deren Meinungen akzeptieren oder zumindest dulden? Toleranz der Intoleranz?

Immer wieder heisst es, dass eine Demokratie verschiedene (extreme) Meinungen aushalten können muss. Ich bin mir dessen nicht so sicher. Als Privatperson kann ich das nicht und ich nehme mir jede Freiheit, das auch mitzuteilen. Toleranz heisst nicht, dass man Intoleranz fördern oder (stillschweigend) akzeptieren sollte.

Vor zirka elf Jahren veröffentlichte ich am 08. Juli 2001 an anderer Stelle einen Text zum Thema «Liebe» unter dem Titel «Lieben heisst loslassen». Diesen Text habe ich im Rahmen einer Neuauflage im Jahr 2006 auf abhijitbossotto.com veröffentlicht.

Als ich diesen Text schrieb, waren die Anschläge vom 09/11 noch Zukunftsmusik die sich ein paar Monate später bewahrheiten sollte. Niemand konnte damals ernsthaft glauben, dass es ein paar bärtigen Irren gelingen könnte, die «westlich-zivilisierte» Welt ins Chaos zu stürzen. Es war der Anfang eines neuen Jahrtausends, die Menschen hatten Hoffnungen, Träume und Wünsche, die sie im neuen Jahrtausend zu verwirklichen glaubten.

Es war das Jahr, in dem «westlich-zivilisierte» Welt einmal mehr die vermeintliche Unschuld verlor und durch Terroranschläge, Kriege und Attentate grausam auf den Boden der Realität zurückgeholt wurde. (Nicht, dass es früher nicht auch schon Kriege, Attentate und dergleichen gab. Aber die mediale Ausschlachtung war viel
minimer als 2001…) Kurz: Das Leben hat sich seither grundlegend verändert.

«Lieben heisst loslassen»: Sich von geliebten Gewohnheiten trennen, liebgewordene Orte Anschlägen (oder auch schon früher und später) Angehörige verloren haben, konnten sich nicht entscheiden. Sie hatten keine Wahl. Und sie konnten einen eventuellen Fehler nicht rückgängig machen… Die Orte haben sich verändert… Die Menschen und ihr Handeln auch…

Warum erwähne ich das? Weil Menschen, so singt es der englische Sänger «Sting» in seinem berühmten Lied «Fragile» wirklich zerbrechlich sind.

If blood will flow when flesh and steel are one

Drying in the colour of the evening sun

Tomorrow´s rain will wash the stains away

But something in our minds will always stay.

Perhaps this final act was meant

To clinch a lifetime´s argument

That nothing comes from violence

And nothing ever could

For all those born beneath an angry star

Lest we forget how fragile we are

On and on the rain will fall like tears from a star, like tears from a star

On and on the rain will say how fragile we are, how fragile we are

On and on the rain will fall like tears from a star, like tears from a star

On and on the rain will say how fragile we are, how fragile we are

How fragile we are, how fragile we are

(«Fragile» by Sting)

«Lieben heisst loslassen» – in meinem damaligen Text ging es um das Zwischenmenschliche. Um das, was das Leben doch eigentlich lebens- und vor allem liebenswert macht. Das, mit seinen Launen und Schicksalswindungen dafür sorgt, dass es niemandem langweilig wird.

Wann sollte man einen Menschen «gehen» bzw. «los» lassen? Dann, wenn man es selber für richtig erachtet? Doch, was ist schon richtig? Kommt es dabei nicht immer auf die Perspektive an?

Als ich den ursprünglichen Artikel geschrieben habe, hätte ich wohl gesagt, dass man den Anderen dann loslassen sollte, wenn es nicht mehr anders ginge. Dass man sich schützen sollte. Sich. Und den Anderen.

Heute, knapp zehn Jahre später, denke ich anders darüber: «Lieben heisst loslassen» impliziert, dass man eine Person «festhalten» kann; dass man die Liebe «festhalten», an ihr klammern kann. Das geht nicht. Sobald man es versucht, ist man nicht mehr sich selber. Man ist dann die Person, die man sein müsste, damit
der andere nicht erst mit dem Gedanken spielt, sich jemand Neuen zu suchen.

Es gibt keine Garantie auf die ewige Liebe. Die gibt es auch nicht, wenn man heiratet und sich einen Ring an den Finger steckt. Gerade Hochzeiten sind heutzutage unter dem Verweis der Endlichkeit ziemlich unpopulär. Einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis denken so und wollen nicht heiraten. Ich schmunzle dann meistens. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt (und drittens als man will).

Eine Garantie gibt es nicht. Aber einen gemeinsamen Willen es zu versuchen und ich denke, nur darauf kommt es an. Dass man das Beste aus der Situation macht und die gemeinsame (endliche) Zeit die man hat, geniesst. Nicht auf Kosten anderer, aber immerhin so, dass man eines Tages sagen kann: «Das war eine glückliche
Zeit, die will ich wieder erleben.»

So gab es auch bei mir einen Paradigmenwechsel und es heisst nicht mehr zwingend «Lieben heisst loslassen», sondern «Lieben heisst Liebe schenken und annehmen». Denn, eigentlich ist sie «nur» ein Geschenk. Entweder man bekommt sie und weiss sie zu schätzen oder man ist immer auf der Suche. Blind für das, was man eigentlich hat.

Sitze in meinem Bett, höre Miles Davis und lasse die vergangenen Stunden Revue passieren. Eigentlich wars ein normaler Tag. Nur, was ist schon normal in dieser Zeit?

Gibt es überhaupt ein „Normal“? Gab es das jemals? Sollte es das überhaupt geben?

Das Video habe ich gerade gefunden… Fast besser als das Original