Eigentlich wollte ich meinen ersten Mai-Beitrag nicht über Ponys schreiben, die sich fremdbestimmen lassen. Eigentlich sollte auch nicht ein Bundesrat mit antiquierten Ansichten zum Thema werden. Und eigentlich wollte ich doch mal was ganz unpolitisch-unverfängliches schreiben. Eigentlich… Und ich weiss nicht einmal, welches dieser beiden Themen mich zurzeit mehr aufregt…

Gegenwärtig läuft im gebührenfinanzierten Schweizer Fernsehen ein Experiment unter dem Titel «Ich, die Mehrheit». Dabei soll es darum gehen, den Menschen unsere Demokratie ein bisschen näher zu bringen und das geht so:

Eine Person lässt jeden Tag über eine ihrer Handlungen abstimmen. Sie überlässt es der Mehrheit zu entscheiden, was sie denn nun am Tag X (das Experiment dauert vom 27. April bis zum 18. Mai) tun soll. Es soll darum gehen aufzuzeigen, wie die «Mehrheit» in das Leben eines Einzelnen eingreift.

Ich will hier kurz darlegen warum ich dieses Experiment für gescheitert halte:

  1. Es wird teilweise über banale Dinge (z. B. Essen) ebenso abgestimmt wie über höchstpersönliche Entscheidungen (z. B. DNA Test). Gerade letztere sind ohne fundierte Kenntnisse ebenso wenig möglich wie ohne Kenntnisse der Situation des Betroffenen.
  2. Es ist korrekt, politische Entscheidungen können in das Leben eines Menschen eingreifen, können Dinge ermöglichen, Dinge verbieten. Meistens hat man aber Alternativen: Sofern man betroffen ist, kann man mit bestimmten Stellen das Gespräch suchen und muss nicht zwingend etwas hinnehmen. Bei #ichdiemehrheit ist das nicht möglich. Die Mehrheit «befiehlt».
  3. Bei einer «regulären» Abstimmung oder Wahl hat jeder Schweizer exakt eine Stimme. Es ist also nicht möglich mehrmals «Ja» oder dementsprechend «Nein» zu stimmen. Bei #ichdiemehrheit kann man sowohl über die Internet-Seite als auch über extra hierfür programmierte Smartphone-Apps abstimmen. Ohne Registration. Mehrfach. So werden die Abstimmungen verfälscht und geraten zur Farce. Denn, je nach Thema können so mehr oder weniger Menschen mobilisiert werden.
  4. Die Protagonistin, eine Zürcher Bloggerin, überlässt Entscheidungen (und notabene das «sich Gedanken machen») dem Publikum und gibt damit eine wichtige Errungenschaft auf: Die der Selbstbestimmung. Philippe Wampfler bringt das in einem Tweet sehr gut auf den Punkt:
  5. Das bisherige Fazit der Protagonistin ist nicht mehr als eine Binsenweisheit: Man muss mit den Leuten reden um ihre Beweggründe zu verstehen. Dazu braucht es #imho kein Experiment.

Aus all diesen Gründen denke ich, dass das Format und das Experiment gescheitert sind. Es wird immer Menschen geben, die sich an Abstimmungen und Wahlen nicht beteiligen. Das ist kein neues Phänomen. Und natürlich ist unsere Demokratie nicht perfekt. Es ist aber auch kein Grund demokratische Errungenschaften der Lächerlichkeit preiszugeben.

 

Update (& weitere kritische Stimmen)