Der stark «Pigmentierte»

Menschliches / Persönlich / Politik / Rassismus

Gedanken zur aktuellen Rassismus-Debatte…

Ich habe mir lange überlegt, ob ich zur aktuellen und allgegenwärtigen Rassismus-Debatte etwas schreiben soll. Eigentlich habe ich in früheren Beiträgen bereits alles gesagt. Zurzeit äussern sich viele Leute zu dieser Thematik. Egal ob Promi oder Sachkundiger.

Der Trigger.

Dass ich mich nun dennoch äussere, «verdanke» ich zwei Situationen:

In einer ersten wurde ich von einer Person, dessen Meinung ich sehr hoch schätze, darauf hingewiesen, dass sich mein politischer Standpunkt über die Zeit geändert hätte. In der zweiten wurde ich von «meiner» Partei aufgefordert, als «stark pigmentierter» Mensch zu diesen Positionen Stellung zu nehmen, denn ich würde mich damit ja am besten auskennen.

Das war der «Trigger», der mich zu diesem Text gebracht hat.

Zuerst einmal: Der allgegenwärtige Rassismus erstaunt mich nicht. Es gab ihn immer und wird ihn wohl immer geben. Manchmal tritt er öffentlicher, manchmal versteckter auf. Da hilft es nicht, wenn man rassistische Posts (oder solche, die man dafür hält) meldet oder Nachbarn, Mitbewohner, Mitarbeiter, etc. als «Nazi» abstempelt. Das löst weder die Problematik, noch wird es der Sache gerecht. Deshalb melde ich solche Posts auch nicht.

Für mich geht die Meinungsfreiheit extrem weit. Von persönlichen Angriffen, Diffamierungen, etc. abgesehen, können Menschen meinetwegen jede, für mich noch so «krude», Meinung äussern. Das bedeutet nicht, dass ich jede Meinung akzeptiere oder dass ich jede Meinung gut finde. Das bedeutet nur, dass ich die andere Meinung dulde. Und manchmal ist es mehr ein «Ertragen» als ein «Erdulden». Aber so ist das Leben. Es können und sollen nicht alle genau gleich denken und fühlen wie ich.

Deshalb soll jeder Mensch seine eigene Meinung äussern, egal wie extrem sie ist. Diese Freiheit hat er. Diese Freiheit schliesst aber auch ein, dass er sich damit zum Deppen macht.

Drum halte ich von Löschaktionen nichts. Was bringt es? Man «säubert» seine eigene Welt von Meinungen, die zugegebenermassen wirklich menschenfeindlich sind. Aber, auch wenn man auf den «Melde»-Button drückt, auch wenn sie so digital verschwindet, so schwirrt sie doch irgendwo noch rum. Aus den Augen, aus dem Sinn. Auch eine Möglichkeit.

Vielleicht sollte man sich also von der Vorstellung verabschieden, dass es eine Welt ohne Rassismus geben kann. Vielleicht sollte man sich mit der Vorstellung anfreunden, dass es Menschen gibt, die Angst vor Unbekanntem, vor «Fremdem» haben. Vielleicht sollte man auch für möglich halten, dass es Menschen gibt, die in Flüchtlingen in erster Linie eine Bedrohung sehen. Vielleicht sollte man sich der Tatsache stellen, dass die Politik mit gewissen Situationen hoffnungslos überfordert ist. Und vielleicht auch damit, dass einige Parteien bewusst «Ängste» (die durchaus real vorhanden sein können) schüren, während andere Parteien, diese nicht ernst nehmen. Vielleicht…

Gerade von meiner Partei hätte ich mir mehr gewünscht. Definitiv und ich bin sehr stark am Zweifeln ob ich dort noch Werte finde, mit denen ich mich identifizieren kann. Sich für die Schwachen einzusetzen heisst nun mal, auch unpopuläre Dinge zu sagen, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Auch und gerade ohne Rücksicht auf eventuelle (Sitz-)Verluste. Aber wenn man, aus Angst vor dem übermächtigen «Gegner» schweigt, hat man bereits kapituliert.

Ich weiss, das klingt stark nach Resignation. Und vielleicht habe ich auch resigniert. Insofern hat sich meine Einstellung wohl tatsächlich ein wenig geändert. Früher dachte ich, dass ich Menschen ändern könnte. Dass ich Menschen mit meinen Worten erreichen könnte. Doch dazu müsste ich heutzutage schreien (oder irgendein mehr oder weniger bekannter C-Promi sein). Die Hetzer überschreien. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Auch nicht, weil ich «stark pigmentiert» (oder schöner ausgedrückt: «farbig») bin.

Was sollte man nun also tun? Was soll man gegen ein Phänomen tun, dass wohl unsterblich ist? Man sollte mit den Menschen reden. Aber nicht von oben herab. Man sollte ihre Ängste ernst nehmen. Auch und gerade besonders dann, wenn sie für einem selber nicht nachvollziehbar sind. Und man sollte den Menschen erklären, was der Ursprung dafür ist, dass Menschen ihr Hab und Gut, ihre Familien und Freunde, Hals über Kopf verlassen um eine gefährliche Reise zu wagen. Das alles kann man tun. Man kann hoffen, dass sie einen Gedanken daraus mitnehmen und vielleicht erkennen, dass man solche Thematiken nicht losgelöst vom sonstigen Weltgeschehen betrachten kann (Menschen flüchten ja nicht einfach so…). Aber mehr nicht. Und natürlich wird es Zeitgenossen geben, die auch für solche Worte nicht empfänglich sind. Aber um die kümmert sich, sollten sie straffällig werden, das Gesetz.

Und man sollte sich nicht von seinen Vorstellungen verabschieden: Das Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Vorbei sind die Zeiten, in denen «Farbige» einen anderen Bürgersteig nehmen mussten, in denen sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden. Wir sind in einer multikulturellen Gesellschaft angekommen. Und das ist gut so. Es ist bereichernd und inspirierend. Und es lohnt sich, dafür die Feder zu spitzen und zu schreiben. Ganz ohne Verurteilung Andersdenkender.

Das gilt für Politiker und insbesondere die Medien: Statt immer nur über vermeintliche «Probleme» mit asylsuchenden Menschen zu berichten, wären vielleicht auch positive Erlebnisse erwähnenswert. Zeigen, dass es auch anders geht. Dass das auch nur Menschen wie du und ich sind. Das kann man tun.

Ich habe eine Seite gewählt, weil ich Mensch bleiben will. Und du?

8 Comments

  1. Ich verstehe sehr gut, was Du meinst. Und doch bin ich in einigen Punkten anderer Meinung. Wenn ich nur schon den legendären Ausdruck “Ängste ernst nehmen” höre, wird mir ein wenig anders. Weisst Du, ich habe einfach Mühe damit, Dinge ernst zu nehmen, die zum überwiegendsten Teil einfach aus der Luft gegriffen sind. Die Angst ist ja bekanntlich genau dort am grössten, wo wenig bis gar keine Fremden leben. Das kann man in unserem Kanton (Luzern) jeweils sehr schön bei den mittlerweile üblich gewordenen Abstimmungen sehr schöne sehen, ohne dass man da viel reininterpretieren müsste.

    Dann glaube ich auch nicht, dass es sinnvoll ist, die wirklich üblen rassistischen Kommentare einfach stehen zu lassen. Denn damit geben wir “denen” doch nur den Eindruck, dass ihre Meinung toleriert wird. Und andere, die sich das bis jetzt vielleicht nur gedacht haben, steigen mit ins Boot. Das Ganze kann eine Dynamik annehmen, vor der ich mich dann wirklich fürchte.

    Ich hole gerne den alten NZZ-Artikel hervor, der leider immer passt. http://amade.ch/2009/12/die-bosen-italiener/ Zudem hat mir diese Diskussion hier (http://amade.ch/2015/06/schoenes-leben-in-eritrea/) gezeigt, dass wir möglicherweise sogar unsere Wettbewerbsfähigkeit schwächen, indem wir unsere Scheissangst zelebrieren. Ich glaube, wir sollten es mit Frau Pieren halten und die Zuwanderung begernzen. http://amade.ch/2015/08/zuwanderung-begernzen-die-svp-kommt-zur-vernunft/

    Und weisst Du was: Ich glaube immer noch daran, dass sich Menschen ändern können.

    • Danke für deine Antwort. Ja, du hast natürlich Recht.

      Klar, die meisten Ängste sind diffus und vermutlich wirklich nicht vorhanden. Aber gerade deshalb sollte man sie nicht vom Tisch wischen. Für mich bedeutet dies, dass man sie zumindest anhört und mit Argumenten zu entkräften versucht. Sie als blosse Gespinste abzutun (wie es einige tun), das bringt nix und reizt nur, habe ich festgestellt.

      Bzgl. Kommentare: Ja, da hast du auch Recht. Gerade wirklich strafrechtlich relevante sollen von Gesetzes wegen verfolgt werden. Aber die anderen? Die sollen diejenigen enttarnen, die so ticken. Was gibts schöneres, als sich selber zu entlarven? Ich hoffe (und habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben), dass die grosse Mehrheit dann erkennt, wem sie hinterherläuft, wessen Parolen sie nachplappert.

      Natürlich leidet dann das Bild, aber mir ist offen gelebter Rassismus viel lieber als der im stillen Kämmerlein. Dann weiss ich zumindest, woran ich bin. Auch wenn mir eine Welt ohne Rassismus natürlich lieber wäre.

      Und auch da hast du Recht: Menschen können sich ändern. Die Hoffnung haben wir wohl beide :)

  2. Meinungsfreiheit finde ich auch wichtig und richtig. Wenn’s nach mir ginge, dürften auch die Holocaust-Leugner ihren Mist wieder verbreiten. Ich finde es besser, wenn sich solche Leute der Diskussion stellen müssen, und wenn man ihnen den Mund verbietet, bestätigt man sie auch immer in ihrer Ansicht, dass ihr Weltbild für die geltende Ordnung “gefährlich” sei, weil sie Recht haben.

    Aber es ist ein grosser Unterschied dazwischen und zwischen dieser offenen Akzeptanz, die du offenbar willst. Ich würde eher sagen, es gibt immer noch zu wenig soziale Ächtung für Rassisten. “Ich bin zwar Rassist, aber wir haben uns trotzdem lieb” ist ein erschreckend verbreiteter Standpunkt – gemeint sind mit dem Rassismus immer die anderen, irgendeine anonyme Masse, nie die Arbeitskollegin vom Balkan oder der Nachbar aus Portugal.

    Und darum hält sich der Alltagsrassismus. Diskutieren kann man darüber sowieso nicht – Rassismus ist irrational und gegen Argumente weitgehend immun. Aber man kann Rassisten klar machen, dass sie sich aus dem zivilisierten Teil der Gesellschaft ausklinken, wenn sie finden, die Flüchtlinge sollen doch im Meer ertrinken, und wenn die Asylanten Handys haben, dann können sie auch wieder nach Hause.

    Fragt sich nur, ob es genug Menschen gibt, die diesen Alltagsrassismus wirklich so falsch finden.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, Mike. Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt, aber zwischen dem Ertragen/Erdulden von solchen Kommentaren und deren Akzeptanz ist ein grösserer Unterschied. Ich akzeptiere rassistische Äusserungen nicht. Ich muss sie aber ertragen. Weil ich damit erreichen möchte, dass sich solche Menschen selber entlarven. (Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass viele Menschen das nicht können. Deshalb gilt das natürlich nur für _allgemeinen_ Rassismus und keine persönlichen Angriffe.)

      Ja, “soziale Ächtung” ist auch eine Möglichkeit. Nur, was, wenn der Zeitgeist (was wir alle nicht hoffen!) sich wieder ändert? In eine Zeit, in der solche Äusserungen salonfähig werden? Ich könnte mir vorstellen, dass dann auch andere Haltungen geächtet werden.

      Stimmt, das mit der anonymen Masse habe ich auch schon miterlebt. Aber das ist wohl nicht nur ein Phänomen im Rassismus. Wie oft wird über _die_ Politiker, _die_ Polizisten, etc. lamentiert? Sobald es dann allerdings auf die persönliche Ebene kommt, ist halt der Ali doch ganz nett und die türkische Putzfrau ganz in Ordnung. Ich erwarte da ja schon gar nicht (mehr), dass Rassisten konsequent sind ;-)

      Ich glaube schon, dass es genug Menschen gibt, die Alltagsrassismus falsch finden. In der Hinsicht bin ich ein unverbesserlicher Optimist :)

  3. Schmieli says

    Gute Gedanken, auch in den Kommentaren zum Blog. Ich glaube, viele dieser von Überfremdungsängsten Getriebenen überlegen sich keine Sekunde, was die Migration für die Betroffenen bedeutet an Zurücklassen, an Unsicherheit, an Schmerz, Angst, Ausgeschlossen- und Alleinsein an einem völlig fremden Ort. Es fehlt den ängstlichen Europäern an *imagination*, an Vorstellungsvermögen. Daran versuche ich seit je zu arbeiten.

    Die Ängste sind übrigens durchaus da und somit auch “real” und “ernst” zu nehmen. Aber sie sind in den meisten Fällen unbegründet (siehe dazu den SRF-Club zum Thema “Bedrohung Flüchtling?” vom 5.8.) und zudem Dank politischer Kesseltreiberei über alle Massen aufgebläht. Die Partei, die sich auf die Fahne schreibt, die CH zu retten, macht sie recht eigentlich kaputt.

    • Danke für deinen Kommentar! Ja, das sehe ich (inzwischen) auch so. Vielen fehlt die Empathie, um mit anderen Menschen (mit-)fühlen zu können. Aber wem will man das konkret zum Vorwurf machen?

      In den Medien werden ja schon heute Menschen durchs virtuelle Dorf getrieben, die es schwerer haben. Gerade die privaten TV-Sender machen es sich einen Spass daraus, Menschen vorzuführen. Zum Glück tun sie dies (noch?) nicht mit Asylanten. Aber gewisse Tendenzen sind durchaus erkennbar.

      Ich sehe es ähnlich wie du: Die Partei, die für das schweizerische Volk sprechen will, richtet mehr Schaden an als das sie nützt. Nur, was tun die anderen Parteien? Die SP negiert die Ängste der Menschen (ob diese nun real sind oder nicht sei dahingestellt) und die anderen Parteien ereifern sich im Wettstreit, wer sich denn der besagten Partei an den Hals werfen darf. Eines muss man der SVP lassen: Das Thema wird sie nicht mehr aus der Hand geben und es macht mich traurig, dass bspw. die SP kapituliert hat.

  4. Das hast du gut auf den Punkt gebracht. Ich selbst habe diese Geduld in meiner eigenen Familie manchmal nicht mehr. Da schreie ich schon mal aus Verzweiflung, weil die Schuld für die eigene Lebenssituation mit der Situation der “kostenverursachenden Ausländer, die hier nur Kinder machen und die Notfallstation wegen nichts verstopfen” vermischt wird.

    Danke also für deine klare, pragmatische Handlungsanweisung :-)

    • Nun ja, es gibt durchaus Menschen, die mir meine Haltung nicht verzeihen. Aber ich versuche über den Dingen (oder über Rassismus) zu stehen. Ich habe gelernt, an solche Dinge mit “Gelassenheit” zu gehen. Ansonsten machen sie einem kaputt. Insofern wünsche ich dir mehr Gelassenheit :)

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