Wut

Menschliches / Minds / Persönlich / Rassismus

In meinem letzten Artikel ging es um das Thema «Rassismus». Ein Thema, das mich seit ich denken kann begleitet hat. Wenn auch eher unfreiwillig wurde ich schon im Vorschulalter darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht gleich wie die anderen war. Das ich anders sei.

Natürlich sieht man mir meine Herkunft unweigerlich an, obwohl man mich auch schon nach Brasilien, in die Mongolei (immerhin geographisch etwas näher), nach Afrika oder Arabien verpflanzt hat. Aber nein, ich stamme aus Indien und das sieht man mir an. Und da meine Eltern weiss sind, waren Sticheleien vorprogrammiert. So musste ich mich mit dem Thema beschäftigen.

Von meinen Eltern bekam ich früh den Ratschlag mit, über solchen Ärgernissen zu stehen. Solche Menschen würden früher oder später erwachsen, meinten sie und, wenn ich ihre Attacken ignorieren würden, würden sie bald einmal den Spass verlieren. Nur, wie das so mit elterlichen Ratschlägen ist: Diejenigen, die es betrifft, haben diese offenbar nie gehört…

Natürlich: Ich habe nie das gleiche Schicksal erlebt wie die farbige Bevölkerung Anfang der 1900er-Jahre in Amerika. Ich weiss nicht, wie das ist, wenn man nur getrennte Bürgersteige benutzen darf. Ich weiss nicht, wie das ist, wenn man in Restaurants an separaten Tischen sitzen muss. Und ich weiss auch nicht, wie das ist, wenn man Angst haben muss, weil in meiner Nachbarschaft die Häuser brennen. Das alles weiss ich nicht.

Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wenn man nur geduldet und nicht akzeptiert wird. Wenn man immer wieder hört, dass man nur auf dem «Papier» Schweizer sei. Und ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn wildfremde Menschen einem in gebrochenem Deutsch etwas erklären wollen, auch wenn sie ansonsten perfektes «Walliserdeutsch» sprechen.

In meiner Jugend gab es einige einschneidende Erlebnisse, die mein Verhalten gegenüber meinen Mitmenschen nachhaltig geprägt haben. In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es zur Weihnachtszeit immer ein spezielles Radio, welches nur zu dieser Zeit spielte. Es war sehr beliebt und ein allabendliches Wunschkonzert war ein Highlight, weil man anrufen und Leute grüssen konnte. Eines Tages rief ein Einwohner meines Wohnortes an und fragte die Moderatoren, was das auffälligste an der örtlichen Schule sei (das Radiostudio war zu dieser Zeit in einer Lokalität neben der Orientierungsschule). Die Moderatoren antworteten nichtsahnend, dass es wohl das Schild zum Radiostudio wäre. Der Anrufer verneinte. Es wäre Abhijit. Warum? Weil er schwarz ist. Sofort wurde der Anruf unterbrochen und die Moderatoren entschuldigten sich.

Die Sendung wurde damals bis ins Unterwallis hinein empfangen und ich erhielt entsprechendes Feedback auch noch Wochen nach der Ausstrahlung.

Gewiss, es mag nun der Eindruck entstehen, dass alle Menschen in diesem Ort und in diesem Kanton (Bundesland) hoffnungslose Rassisten sind. Wenn der so entstanden ist, dann ist das natürlich falsch. Allerdings sind einige rassistische Tendenzen durchaus zu beobachten. Der übliche Spruch lautet: «Ich bin kein Rassist, aber…»

Und genau das macht mich wütend. Es macht mich wütend, dass Menschen in der heutigen Zeit immer noch denken, sie könnten rassistische Vorurteile als Meinung tarnen. Es macht mich wütend zu sehen, dass es gewisse Parteien am rechten Rand gibt, die Hetze gegen Minderheiten betreiben. Es macht mich wütend, dass Menschen die nicht «weiss» sind als minderwertig betrachtet werden.

Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas diesbezüglich ändern wird. Denn manchmal glaube ich, dass die Menschen gar nicht aus der Geschichte lernen wollen. Leider.

6 Comments

  1. Das ist ein beeindruckender Blogpost. Du hast immer wieder deine Erfahrungen erwähnt – nun werden Sie noch viel deutlicher. Ich denke, bei Rassismus muss man sich immer vor Augen halten, dass rassistische Strukturen und Handlungen Menschen das Gefühl geben, sie würden dadurch gestärkt, indem sie anderen schaden. Menschen tendieren dazu, nach unten zu treten, weil sie sich bedroht oder unsicher fühlen – und wer eignet sich besser dazu als jemand, der schon äußerlich auffällig ist.
    Mir tut das unsäglich Leid, was du erfahren musstest.

    • @Philippe Wampfler: Danke Philippe. Aber dir muss das nicht leid tun. Höchstens denen, die für das verantwortlich sind. Aber die wissen oder ignorieren das. Das werden sie immer tun (ausser sie ändern sich), weil in ihrer Welt halt alles in Ordnung ist. Du hast natürlich Recht: Wer Probleme (mit sich selber) hat, tritt gerne nach unten. Das ist leider überall so und scheint eine menschliche Eigenschaft zu sein.

  2. Pingback: Hoffnungslos | abhijit bossotto

  3. Jonas S. says

    Hey Abhijit, das isch än Blog, wa einu ziemli nachdänklich stimmt! Wiä du scho richtig gschriebu hesch, git’s ja zum Glück eu no äs paar ANDRI wa das nit so gsehnt. Grüass

  4. Pingback: Und wir gehören doch nicht dazu. | abhijit bossotto

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