Erinnerungen…

Kurzgeschichten

„Haben Sie schon einmal aus dem Fenster geschaut?“

Damals, vor bald einmal zwanzig Jahren, habe ich aus dem Fenster geschaut. Hätte ich es nicht getan, hätte ich Dinge nicht mit ansehen müssen, die mein Leben verändert haben. Aber was ist schon ein Augenblick? Ein kurzes Aufschauen von einer Arbeit, ein kurzes Gleiten lassen der Gedanken. Was ist das schon? Eine verlorene Sekunde höchstens und wie viele hat man von diesen in seinem Leben? Genug. Nun, bei mir waren es mehr als nur einige Sekunden. Gebannt, hilflos und mit einer beängstigenden Neugier schaute ich aus dem Fenster.

Vielleicht wäre die Sache anders ausgegangen, wenn ich damals ein anderes Klassenzimmer bezogen hätte. Ursprünglich war ein grosses, helles Zimmer im zweiten Stock für mich vorgesehen aber aus einem mir bis heute unerfindlichen Grund habe ich mich für einen kleinen, gemütlichen Raum im Parterre entschieden. Ein Zimmer mit Blick auf den Park. Natürlich ergaben sich für mich so auch einige Vorteile: ich hatte genügend Sonne und die Einsamkeit kam nicht so oft zu besuch. Im Winter dagegen war es, bedingt durch den frühen Abschied der Sonne, schon bald ziemlich dunkel.

Nein, Einsamkeit gehörte nicht zu meinem Beruf. Obwohl, manchmal war sie Anwesender als meine Studenten. Vielleicht suchte ich sie auch. Sie war mein Schutz, mein Wall gegen die tagtäglichen Anfeindungen, gegen die Kälte und die Ignoranz. Ich dachte immer, ich müsse mich verteidigen. Nur wusste ich nie wovor.

Sie schlugen mich. Immer und immer wieder spürte ich ihre Fäuste auf meinem Körper. Ich schloss meine Augen, träumte mich weit weg. Der Hohn holte mich immer wieder zurück. Angst. Der Schmerz war unerträglich.

Seit Jahren plagen mich immer die gleichen Albträume. Das Leben hat keinen Sinn mehr für mich. Er ging damals unbemerkt verloren als ich aus dem Fenster sah. Ja, vielleicht übertreibe ich. Vielleicht ist meine Geschichte nichts weiter als eine lose Aneinanderreihung von Zwischenfällen und Schicksalsschlägen. Und das alles nur, wegen einem unachtsamen Blick aus dem Fenster …

Der Blick

Ich sass an meinem Schreibtisch und korrigierte eine Strafarbeit. Der betreffende Schüler hatte es tatsächlich geschafft, zwei dicht beschriebene A4-Seiten abzugeben. Das Korrigieren wurde nur dadurch erheblich erschwert, dass in jedem zweiten Satz mindestens 5 Fehler versteckt waren. Der Inhalt selber war ebenso sinnlos wie meine Hoffnung, dass sich der Schüler dadurch in seiner Disziplin ein wenig bessern würde. Eigentlich hatte ich es schon lange aufgegeben, meine Schüler zu erziehen. Diese undankbare Aufgabe hat mir die Gesellschaft abgenommen und zweifellos würde sie es auch nicht besser machen können.

Ich schaute auf die Uhr. Es war halb fünf.

Mein Blick streifte die mit Postern bedeckten Wände. Eigentlich hatte ich meinen Traumberuf mit grossem Engagement begonnen. Seit ich ein kleines Kind war, wollte ich Lehre¬rin werden. Viele meiner damaligen Kolleginnen hatten ähnliche Wünsche, wollten Kleinkinderzieherin werden oder Krankenschwester. Die üblichen Sachen eben und als wir älter wurden, haben sich die Wünsche geändert und die Ziele wurden realistischer gesteckt.

Draussen wurde es dunkler. Nachdem ich den letzten Abschnitt mühsam zu Ende gelesen hatte, nahm ich meine Brille ab und rieb meine Schläfen. Draussen hatte man bereits die Beleuchtung eingestellt und so konnte ich den Park grell erleuchtet sehen.
Ein Mädchen stand einsam neben einer Schaukel. Ich kannte sie. Es war Sarah. Sie war eine meiner Schülerinnen, als ich noch regulären Unterricht erteilt hatte. Es war ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen, das von den meisten Schülern gemieden wurde. Es gab immer wieder Schüler, die andere Meinungen und Philosophien nur ungern akzeptierten. Später war sie in meiner Theatergruppe. Ich sah ihr eine Weile zu. Grundlos. Ich wusste nicht warum und plötzlich trafen sich unsere Blicke. Für eine Sekunde lang konnte ich in ihr Inneres blicken. Ich wusste zuerst nicht, weshalb. Auch später konnte ich es mir nicht erklären. Irgendetwas stimmte nicht. Schnell wandte ich meinen Blick ab.

Langsam packte ich meine Sachen zusammen und wollte gerade das Zimmer verlassen, als ich auf der anderen Strassenseite eine Gruppe von Jugendlichen sah, die auf Sarah zuging. Ge¬bannt verfolgte ich die Szene und wieder konnte ich mir nicht erklären weshalb. Weshalb weckte eine alltägliche Szene eine solche Neugier bei mir? Ich wusste es nicht.
Angst? Angst.

Da waren sie wieder. Sie hatten mich entdeckt. Ich lief. Schnell, drei Schritte auf einmal nehmend. Die Angst im Nacken. Neu¬gierige Passanten beobachteten mich. Hilflos. Ich lief und lief immer weiter, fand das Ende nicht.

Die Gruppe war mir nicht ganz unbekannt. Es waren ältere Schüler, die ihr eigenes Versagen unter dem Deckmantel von Rassismus und Gewalt zu verstecken suchte. Schon oft waren sie in Schlägereien verwickelt. Eigentlich konnte man diese Typen nicht ernst nehmen. Als sie wieder einmal im Unterricht ihre Parolen kundgaben, wies ich sie darauf hin, dass ihre rassistische Ideologie im vergangenen Jahrtausend sehr viele Menschenleben gekostet und letztlich jämmerlich versagt hätte. Damals erntete ich nur Spott und Hohn.

Von meinem Platz aus konnte ich nur ungenau beobachten, was los war. Aus der Gestik der Betei¬ligten schloss ich, dass es sich um eine hitzige Diskussion handelte. Ich schloss die Tür ab und verliess das Klassenzimmer.
Auf dem Parkplatz drehte ich mich noch einmal um. Die Jugendlichen waren immer noch da.

Das Tor zur Seele

Als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss, begrüsste mich bereits Jake, mein Kater, mit lautem Gurren und Miauen. Das tat er immer. Ich wusste, es war nicht als Wiedersehensfreude für mich bestimmt, er wollte damit lediglich ausdrücken, dass er Hunger hatte. Also füllte ich seinen Napf mit Dosenfutter und setzte mich an den Küchentisch, die Post durchsehend.
Es war die übliche Post. Nichts Interessantes. Ich hatte keinen Freund. Das heisst, bis vor einigen Monaten hatte ich einen. Eigentlich hätte es die grosse Liebe sein können, doch irgendwie war es das nicht. Es hatte etwas gefehlt. So hatten wir uns, in gegenseitigem Einverständnis, getrennt. Nach zwei langen Jahren. Manchmal ertappte ich mich noch, wie ich an ihn dachte. Ich wusste nicht einmal, was er jetzt tat, wo er jetzt war.

Ich schob mir eine Tiefkühlpizza in die Mikrowelle und liess mich aufs Sofa vor den Fern­seher plumpsen. Gedankenverloren wechselte ich zwischen den einzelnen Sender hin und her. Bis ich auf einmal ein Bild entdeckte und erschrocken meine Augen aufriss: Es war das Bild eines toten Mädchens. Die Überschrift lautete: „Bestialischer Mord an 17jährigem Mädchen“. Sarah.
Ich war wie in einem Albtraum gefesselt. Zeit und Raum schienen entfernt. Ich wusste nicht mehr, wo ich war; ich wusste nicht mehr, wer ich bin. Das alles war auch nicht mehr wichtig.

Immer wieder sah ich Sarahs Gesicht vor meinen Augen. Ihre dunkelblauen Augen, die mich hilflos ansahen. Sie wusste, was sie erwartete, ich wusste es auch. Und ich hatte nichts getan …

…Ich lief davon. Angsterfüllt. Ich konnte doch nicht helfen. Ich konnte es wirklich nicht. Ich hätte es so gerne getan … Doch, dabei war es doch ich, die verfolgt wurde. Immer und immer wieder. Ich, die Ausländerin.

Ende.

2 Comments

  1. Christian says

    Beklemmend und Erschreckend … Ich glaube das jeder Mensch solche Situationen erlebt irgendwann im leben, und sie nie vergisst und auch nie richtig darüber hinwegkommt.

  2. Pingback: Janocjapun – Papa! » Blog Archive » bitte lesen

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