Abschied…

Kurzgeschichten

Es war ein kalter Dezembertag. Weihnachten stand vor der Tür. Eigentlich ein Fest, auf das man sich freuen konnte. Doch, nicht für alle war dies das Fest der Liebe und der Brüderlichkeit. Nicht für die Armen der Stadt, deren Hüte und Teller sich zwar in der Weihnachtszeit stärker fühlten und auch nicht für die Verrückten und Einsamen, die das Fest unter ihresgleichen verbringen mussten. Wohl unter Menschen aber doch alleine. Die Einsamkeit war ihr Begleiter, der sie niemals verlies, der immer treu bei ihnen war und sie nur im Tod verliess…

Es war Nacht. Im Radio lief ein Song von Led Zeppelin. Stairway to heaven. Er sass an seinem Schreibtisch. Bald würde alles vorbei sein. Bald würde er alles hinter sich gelassen haben. Mit glänzenden Augen sah er die schwarzglänzende Pistole an, die er in seiner Hand hielt. Würde er es wirklich tun? Würde er endlich den inneren Feigling überwinden? Schon oft hatte er daran gedacht. Oft mit dem Gedanken gespielt. Oft war er nahe dran. Oft hatte er dennoch gezögert. Er musste es tun, das wusste er. Es war die beste Lösung, die er finden konnte. Er legte die Pistole auf die Seite und griff in die oberste Schublade und holte einen Umschlag hervor und schrieb mit ruhiger Hand „Für meine Eltern“ darauf. Anschliessend nahm er von einem alten Schönschriftblock ein Blatt und schrieb einige Zeilen. Nachdem er seine letzten Worte niedergeschrieben und seine Unterschrift unter den Text gesetzt hatte, faltete er das Blatt, steckte es in Gedanken versunken in den Umschlag. Stille. Die Musik verstummte und die Nacht verschluckte einige Geräusche, die von der Strasse her kamen. Leute, die nach Hause gingen. Ein Paar, das zärtliche Worte austauschte. Eine ruhige, fast idyllische Stimmung an diesem Wintertag.

Langsam fielen grosse Schneeflocken auf die von Autos befahrene Strasse. Er setzte sich an den Schreibtisch zurück. Er dachte an die letzen Tage und daran, was er alles mit Manuela erlebt hatte. Manuela, mit der er bereits seit zwei Jahren zusammen war. Sie war das Licht seiner düsteren, traurigen Welt. Sie schaffte es immer wieder auf die eine oder andere Weise sein Gemüt aufzuheitern. Ihm ein Lächeln zu entlocken und ihn die Dinge, die ihn bedrückten, wenigstens für einige Stunden, zu vergessen. Er fing an zu weinen. Er weinte nicht aus Trauer, sondern aus Wut. Wut, die plötzlich und unerwartet in ihm hochstieg. Wut auf diejenigen, die ihm sein Glück, sein Leben und letztendlich auch seine Liebe nahmen.

Er wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte auf ein altes Familienporträt, das neben einem massiven Aschenbecher stand. Es zeigte die gesamte Familie in den besseren Tagen, als alle noch miteinander sprachen. Den Vater in seiner gewohnt dominanten Haltung und die Mutter neben ihm, in unterwürfiger Pose, die Hände gefaltet. Sein Bruder sass neben ihm auf einem Stuhl.
Die Pistole wieder in die Hand nehmend, einen Seufzer ausstossend, erhob er sich und ging zum Fenster und blickte zum letzten Mal hinaus. Nein, sie würden ihn nicht vermissen. Das wusste er.

Der Schuss hallte durch die dunkle Nacht. Er wurde nicht allzu weit gehört. Der Schnee verschluckte ihn und bald einmal war auch er mit neuen Flocken überdeckt. Es schneite nun heftiger als ob der Himmel ein Tuch, ein Leichentuch, vorbereitete…

1 Comment

  1. Christian says

    Jeder kennt wohl solche momente, auch ich war oft genug davor ein ende zu setzen. Jeder der mit dem Gedanken spielt, tut es nicht. Man hat nur ein Leben, werft es nicht weg, euretwillen und auch um die Freunde und Bekannten nicht zurückzulassen mit der ewigen nie verlöschenden und mehr als schmerzvollen Frage “Warum”.

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